Bewegen sich unsere Kinder zu wenig?

Kind balanciert über Stapelstein

Den Alltag in allen Lebensbereichen bewegt zu gestalten, ist das Ziel der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e.V. (BAG). Doch warum ist dieses Ziel so wichtig? Warum ist Bewegung wichtig für den Körper und dessen Entwicklung? Was passiert, wenn wir uns zu wenig bewegen? Und wie kann Bewegung gefördert werden?

Janka Heller und Nicole Lange von der BAG beschäftigen sich tagtäglich mit dem Phänomen Bewegung. Da sie Expertinnen in diesem Thema sind, haben wir ihnen einige Fragen zu den Themen Bewegung, Bewegungsmangel und Förderung gestellt.

Janka Heller und Nicole Lange von der BAG und Hannah König und Stephan Schenk von Stapelstein

Was treibt euch als gemeinnützige Organisation an? Was ist euer Ziel?

Die BAG setzt sich für Lebenswelten ein, die Bewegung als Grundprinzip in den Alltag integrieren. Dabei legen wir besonderen Wert auf Räume und Strukturen, die ein spontanes und intuitives Entfalten des natürlichen Bewegungsbedürfnisses ermöglichen. Wir tun dies auf Grundlage der Erkenntnis, dass Bewegung Medium zum Aufbau und zur Festigung individueller körperlicher, geistiger, emotionaler und sozialer Ressourcen ist. Bewegung ist damit Basis für Gesundheit, Bildung und Entwicklung. Das Aufwachsen und Leben von möglichst allen Menschen soll in diesem Sinne „bewegt“ sein. Wir tragen mit Aufklärung und Beratung, Fortbildung und Publikationen, Netzwerkarbeit und Öffentlichkeitsarbeit dazu bei.

Warum glaubt ihr bewegen sich Kinder zunehmend weniger? Was sind die Treiber des Bewegungsmangels?

Kinder stapelst Stapelsteine

Gute Entwicklungsvoraussetzungen wären ein Alltag und ein Umfeld, die Kindern erlauben möglichst viel in Bewegung zu sein. Die Nationalen Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung sprechen von mindestens 180 Minuten Bewegungszeit am Tag für Kindergartenkinder und mindestens 90 Minuten am Tag, die Grundschulkinder in Bewegung verbringen sollten. Auch wenn Erwachsene den Eindruck haben, dass Kinder scheinbar unaufhörlich aktiv sind, so zeigen Untersuchungen immer wieder, dass dieser Schein trügt. Erhebungen aus dem Jahr 2018 haben gezeigt, dass nicht einmal die Hälfte aller Mädchen und Jungen zwischen 3 und 6 Jahren, auf 1 Stunde Bewegungszeit am Tag kommt. Ab dem Grundschulalter verringert sich der Anteil der Mädchen und Jungen, die sich noch 1 Stunde und mehr pro Tag bewegen auf gerade mal 23 bzw. 30 %. (Kiggs-Studie) Die Gründe hierfür sind sicher vielfältig. Grundsätzlich erschweren die Lebensbedingungen von Heranwachsenden Bewegung zunehmend. Die kindliche Lebenswelt wird in einem hohen Maße von Urbanisierung, Mediatisierung und Institutionalisierung/Verhäuslichung geprägt. Dadurch wird die eigenständige Eroberung des Umfeldes erschwert und Erfahrungen werden seltener aktiv gemacht, sondern eher über 2. Hand vermittelt. Hinzu kommt, dass die Räume unattraktiv und bewegungsunfreundlich gestaltet sind, die Kinder häufig zum (Still)Sitzen verdonnert bzw. ermahnt werden.

Welche körperlichen Auswirkungen machen sich bei Kindern und Jugendlichen aufgrund des Bewegungsmangels bemerkbar?

Wenn bereits Kinder sich „durch ihren Alltag sitzen“ kann das gravierende Auswirkungen auf ihre Gesundheit und Entwicklung haben. Ein Problem ist beispielsweise Übergewicht von Kindern. Laut der KiGGS-Studie Welle 2 (2018) sind im Alter von 3 bis 6 Jahren 7,3 % der Jungen und 10,8 % der Mädchen übergewichtig, davon sind 3,2 % der Mädchen bzw. 1,0 % der Jungen adipös. Adipositas wiederum ist ein hoher Risikofaktor für spätere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Arteriosklerose oder Altersdiabetes u.a.

Nur über Bewegung bilden Kinder ihre Grobkoordination in den Bewegungsgrundformen aus und unterstützen eine gesunde Entwicklung ihrer Organsysteme. Mangelnde Bewegungserfahrungen können daher u.a. zu motorischer Ungeschicklichkeit, unzureichender Ausdauerfähigkeit sowie zu einem mangelhaften Körperbild und Haltungsbewusstsein führen.

In welcher Form wirkt sich Bewegung auf andere z.B. die sozialen und kognitiven Kompetenzen der Kinder aus?

Studien belegen eindeutig einen Effekt von Bewegung auf hirnphysiologische Stoffwechselprozesse, d.h. auf die Steigerung von Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Lernleistung und anderen kognitiven Fähigkeiten. Unter zu wenig Bewegung leidet also auch die geistige Arbeit und Bildungsentwicklung der Kinder.

Was sind psychische Auswirkungen von Bewegung bei Kindern?

Immer wieder werden auch Verhaltensweisen wie ausufernde Rangeleien, übermäßiges Schreien und Herumtoben mit einem Mangel bzw. einer Unausgewogenheit an Bewegungs- und Wahrnehmungsreizen in Verbindung gebracht. Soziale Ausgrenzung oder Schwierigkeiten in der emotional-sozialen Entwicklung können die Folge sein bzw. damit einhergehen. Ist doch Bewegung ein gutes Mittel zur Emotionsregulation oder auch zur Selbstwertsteigerung. Die Bedingungen unter der Corona-Pandemie haben wie ein Brennglas die ganzheitliche Bedeutung von Bewegung aufgezeigt. Als Folge der Kontaktbeschränkungen haben Kinder und Jugendliche nicht nur weniger Sport getrieben sondern einen allgemeinen Bewegungsmangel bei zeitgleicher Steigerung des Medienkonsums sowie Fehlernährung durchlebt. Die Bundesregierung und erste wissenschaftliche Studien (Copsy-Studie des UKE Hamburg) berichten von einer hohen psychischen Belastung, Zukunftsängsten und Vereinsamung der Heranwachsenden in dieser Zeit.

Wie schafft man Räume, die Bewegungslust fördern und kann man Kinder für Bewegung begeistern?

Kind versteckt etwas unter Stapelstein

Kinder kommen mit einer ausgeprägten Neugierde und Bewegungsfreude auf die Welt. Wir brauchen sie nicht zu Bewegung motivieren, sondern müssen ihnen vielmehr attraktive und bewegungsfreundliche Räume zur Verfügung stellen, in denen sie beides stillen und erhalten können. Räume sollten dazu einladen, sie zu erkunden, sie sollten immer wieder neue Entdeckungen und Herausforderungen bereithalten und verschiedenste Tätigkeiten ermöglichen. Insbesondere Spielmaterial welches vielseitig, flexibel und losgelöst von (durch Erwachsene) vorgegebenen Zwecken von den Kindern eigenständig genutzt werden kann, ist hierfür wichtig. Als Familie können sie beispielsweise leere Eierkartons sammeln oder Äste und Kastanien vom Spaziergang mitnehmen. Die Investition in eine größere Menge Bauklötze oder Stapelsteine lohnt sich, damit können Kinder unterschiedliche Spielideen umsetzen: sie können bauen und konstruieren, sie können ihre Rollenspielwelt gestalten, sie können sortieren, sie mit weiterem Spielmaterialien kombinieren etc.

Habt ihr konkrete Tipps, wie sich Kinder im Alltag und in geschlossenen Räumen mehr bewegen können?

Kind balanciert über Stapelsteine

Kindliches Spiel ist häufig bewegtes Spiel und dabei geht es auch mal hoch her. Erwachsene sollten daher Verständnis dafür aufbringen, dass Kinder toben, laut sind, ständig irgendwo hochsteigen und runter springen usw. Diese Aktivität sollten sie nicht unterbinden, denn damit unterbinden sie wertvolle Erfahrungen und Prozesse, die für die Entwicklung unserer Jüngsten von enormer Bedeutung sind. Und mehr noch: wenn Erwachsenen das „wilde“ großräumige Spiel permanent untersagen, und damit das Bewegungsbedürfnis der Kinder unbefriedigt bleibt, dann werden sie erst recht unruhig, zappeln herum, suchen Bewegungsherausforderungen und machen sog. „Unsinn“. Am besten versuchen Familien, im Kinderzimmer oder in einem anderen Raum der Wohnung explizit Gelegenheiten für grobmotorisches Spiel einzurichten: ein freier Platz mitten im Raum, eine alte Matratze zum Draufherumspringen und Wälzen, eine Murmelbahn, die über die ganze Wand gebaut ist, ein Wippkissen oder ein großer Karton vom letzten Möbelkauf.

Wir können Eltern hier unterstützt werden?

Kinder balancieren über Stapelsteine

Jüngeren Kindern kommt es sehr entgegen, wenn sie in alltägliche Prozesse eingebunden werden und hier aktiv sein dürfen: beim Kochen und Tischdecken helfen, das Laub zusammenrechen, die Wäsche durch die Wohnung tragen. Dann geht es nämlich auch weniger turbulent. Hilfreich auch für ältere Kinder ist es immer, wenn die alltäglichen Aufgaben oder Aktivitäten möglichst häufig mit Bewegung verknüpft werden und wie das Wort es schon sagt, „aktiv“ durchgeführt werden: mit dem Laufrad zur Kita oder dem Fahrrad zur Schule fahren, die Hausaufgaben im Liegen statt im Sitzen machen, die Geburtstagsfeier auf dem Bolzplatz statt im Wohnzimmer feiern.

Wie können Anreize für Einrichtungen geschaffen werden, dass sich diese mehr auf Bewegung fokussieren und sie fördern?

Für Familien wie Pädagogische Einrichtungen oder auch andere Institutionen in denen Kinder Zeit verbringen gilt: Bewegung muss einen wesentlichen Stellenwert im Alltag haben. Bewegung ist elementare Handlungs- sowie Ausdrucksform von Kindern und nur wer Bewegung als Prinzip alltäglicher Abläufe und Strukturen versteht und auch umsetzt, unterstützt die Persönlichkeitsentwicklung und Kompetenzausbildung in ausreichendem, kindgerechtem Maße. Eine regelmäßige Reflexion über die eigenen Abläufe und Strukturen ist daher unabdingbar: wie selbstständig können die Kinder in der Ankommenssituation sein?; ermöglicht das vorhandene Spielmaterial einen kreativen Umgang?; stehen alle Winkel und Nischen der Einrichtung den Kinder zur Verfügung und gibt es ausreichend Platz für großräumiges, bewegungsintensives Spiel?; wie lange ist aufsummiert die Sitzzeit der Kinder am Tag?; gelingt eine Zusammenarbeit mit Eltern, kommunalem Umfeld und anderen Einrichtungen, so dass die gesamte Lebenswelt der Kinder eine Bewegungswelt ist?

Kinder geben sich Stapelsteine.

Alle, die Kinder in ihrem Aufwachsen begleiten, stehen in der Verantwortung, ein „bewegtes“ Aufwachsen zu gestalten. Alle, die Kinder „bewegt“ begleiten, tragen dadurch aber auch in einem erheblichen Maße zu einem gelingen Aufwachsen bei und setzen eine bedürfnisorientierte, moderne Pädagogik um. Dies und die Zufriedenheit, die Freude, die Kinder ausstrahlen, wenn sie sich bewegen, ist doch größter Beleg und größte Motivation für den (weiteren) Einsatz um eine bewegte Kindheit.

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